Die Geldpolitik im Euroraum - Aktuelle Fragen und Herausforderungen

Bundesbankvorstand Dr. Joachim Nagel referiert beim Unternehmerdialog der VR Bank im Enzkreis eG

22.04.2016

Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der VR Bank im Enzkreis eG konnte Bundesbankvorstand Dr. Joachim Nagel als Gastredner für den Unternehmerdialog am vergangenen Montag gewonnen werden. „Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle glauben an die Bundesbank“, begrüßte Klemens Schork, Vorstandsvorsitzender der VR Bank im Enzkreis eG, den Referenten mit den Worten von Jacques Delors im gut besuchten Bankgebäude in Neuhausen. Glaubt man der öffentlichen Wahrnehmung, hat es die Europäische Zentralbank im Moment erheblich schwerer.

Der in der Bundesbank für Märkte zuständige Dr. Nagel weiß um die Bedeutung von Vertrauen in der Finanzwelt. Insbesondere ein Erlebnis sei ihm diesbezüglich ganz besonders in Erinnerung geblieben, konstatiert er. In seiner Funktion als Leiter des Zentralbereichs Märkte musste er im Jahre 2008 dem Bundesbankvorstand beschreiben, wie unwahrscheinlich der damals eingetretene Liquiditätsengpass am Interbankenmarkt ist. „Das entsprach ungefähr der Wahrscheinlichkeit, dass der gesamte Bundesbankvorstand innerhalb eines Jahres fünf Mal vom Blitz getroffen wird, überlebt und am darauffolgenden Samstag sechs Richtige im Lotto hat“, illustriert Dr. Nagel die Vertrauenskrise im Finanzsektor nach dem denkwürdigen Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers.

In seiner Analyse der Finanzkrise blickt der promovierte Volkswirt bis auf die Anfangsjahre des Eurosystems zurück und bezeichnet diese als „Flitterwochen des Europäischen Währungsraums“. „Bei 10-jährigen Staatsanleihen der Eurostaaten fand faktisch keine Risikodiversifizierung statt“, kritisiert Dr. Nagel, der seinerzeit eine Korrektur des strukturellen Gefälles vor Einführung der gemeinsamen Währung befürwortete. „Ich hing der Krönungstheorie an“, führt er aus, „also die gemeinsame Währung als Krönung einer politischen Union“.

Strukturreformen, betont der Bundesbankvorstand, obliegen allerdings der Finanz- und Fiskalpolitik. Die Europäische Zentralbank ist gemäß ihrer Satzung einzig und allein der Preisniveaustabilität verpflichtet. Diese sei auch bei einem spürbaren Wirtschaftsaufschwung nicht gefährdet, versichert Dr. Nagel den interessierten Zuhörern. „Die gegenwärtige Überschussliquidität von 750 Mrd. € kann im Rahmen von Offenmarktgeschäften jederzeit aus dem Geldkreislauf absorbiert werden“.

In diesem Zusammenhang akzentuiert Dr. Nagel den Wandel in der hiesigen Geldpolitik. Die Mehrzahl der ergriffenen Maßnahmen seien der vertrauensstiftenden Liquiditätspolitik zuzuschreiben. Lediglich die schrittweisen Leitzinssenkungen stehen im Bilde der traditionellen Zinspolitik. Darüber hinaus hebt Dr. Nagel die aufsichtsrechtlichen Fortschritte im Rahmen der Europäischen Bankenunion hervor. „Die einheitlichen Standards erhöhen die Transparenz und die Qualität der Bankenaufsicht“, erläutert Dr. Nagel, der gleichwohl die Privatanleger in die Pflicht nimmt. „Kunden müssen sich mit ihrer Bank und deren Geschäftsmodell auseinandersetzen“, bekennt der Geldpolitiker in Anspielung auf vom Ausfall irischer Banken geschädigte Kleinanleger.

Dieser Argumentation schließt sich Vorstand Schork an. „Die Sicherungseinrichtung der Volks- und Raiffeisenbanken“, die über die gesetzliche Einlagensicherung hinausgeht, „ist im europäischen Bankensektor einzigartig“. „Unsere Kunden und Mitglieder können sich auf uns verlassen“. Verlässlichkeit bescheinigt Dr. Nagel auch der Bundesbank. Der Diskussion um die Bargeldabschaffung kann er jedenfalls weder ökonomisch noch politisch etwas abgewinnen. „Dies wäre dem gesellschaftlichen Vertrauen in die europäische Geldpolitik sicherlich nicht zuträglich“. Er befürchtet, dass der Eindruck entstünde, die Europäische Zentralbank wolle die negativen Einlagenzinsen auch an Privatpersonen weitergeben.

Letztlich wird greifbar, worum es beim Unternehmerdialog der VR Bank im Enzkreis eG vor allen Dingen ging. Um Vertrauen.