Prof. Dr. Margot Käßmann über das, was wirklich zählt

Ein Jahr vor dem 500jährigen Reformationsjubiläum war die populäre Pastorin und Trägerin des großen Bundesverdienstkreuzes, Gastrednerin beim 125jährigen Jubiläum der VR Bank im Enzkreis. Mit ihrem Vortrag „Was wirklich zählt!“ fesselte Prof. Dr. Margot Käßmann am vergangenen Dienstag über 500 Besucher im Nieferner Ameliussaal. Mit ihren langjährigen Erfahrungen als Seelsorgerin, Bischöfin und als kritische Beobachterin des Zeitgeistes widmete sich die Referentin dem, was wirklich wichtig ist für den Einzelnen und für die Gesellschaft.

17.11.2016

Gerade in Zeiten von Terrorschlägen wie Nizza und München, dem Ukrainekonflikt, Flüchtlingsströmen und der Politik von Erdogan, Orban und Trump sollte man die Frage nach Werten stellen. Die Pastorin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers vermittelte in ihrer zugleich einfühlsamen, wie auch aufrüttelnden Rede die Wichtigkeit christlicher Werte in unserer Gesellschaft gerade in der heutigen Zeit.

Käßmann startete gleich recht unterhaltsam: „Banken, ja ganze Volkswirtschaften sollen gerettet werden und irgendwie wir alle mit. Und andererseits retten die Superreichen ihr Vermögen mit dubiosen Briefkastenfirmen nach Panama. Wenn in solchen Zeiten eine Bank eine Altbischöfin zur Rede einlädt,“ witzelte Käßmann, „wird mancher denken, da muss die Krise nun wahrhaft biblische Dimensionen angenommen haben!“ Die Theologin meinte aber, dass gerade die Genossenschaftsbanken in der Bankenkrise kein Geld verzockt haben und das ruhig auch herausstellen können.

Die Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017 zeigte auf, dass auch die deutliche Distanzierung vieler Menschen von den Kirchen nicht über die Tatsache hinweg täuschen kann, dass Europa auf den Pfeilern der jüdisch-christlichen Tradition ruht. Käßmann verwies darauf, dass die Wurzeln des Wortes Ökonomie sich bis in die Bibel zurück verfolgen lassen. „Wer handeln möchte oder muss, sollte das Ganze im Blick haben,“ so die Professorin.

Die Referentin stellte heraus, dass der christliche Glaube einen großen und stets neu faszinierenden Gegenentwurf zur Geldgier und „Geiz ist geil“-Mentalität unserer Zeit bietet. Denn wirklich wichtige Dinge kann man nicht kaufen. Der Glaube bietet statt Egoismus, Angst und Abgrenzung, Liebe zum Leben, Spiritualität und Entschleunigung. Die Volkskrankheit „Burnout“ zum Beispiel sieht Käßmann als logische Folge davon, dass es keinen Unterschied mehr gibt zwischen Schaffen und Ruhen, dass eben der Feiertag nicht geheiligt wird. Man solle mehr Zeit miteinander verbringen und auch mal Zeit verbummeln, so die Protestantin.

Anhand der zehn Gebote spannte sie den Bogen in die heutige Zeit. Der biblische Wert von Wahrheit und Ehrlichkeit (8. Gebot) sollte, laut Käßmann, in unserem Medienzeitalter und auch bei Wahlversprechen nicht zu kurz kommen. Deutschland muss sich, in Zusammenhang mit den Terrorakten der NSU und als drittgrößter Waffenlieferant auch die Frage nach dem 5. Gebot „Du sollst nicht töten“ stellen., so Käßmann.

In Ihrem Vortrag prangerte sie auch die Ungleichheit und Ungerechtigkeiten an. So rechnet sie vor, dass beispielsweise VW-Chef Martin Winterkorn stündlich so viel verdiente, wie eine Erzieherin im Monat. Dem durchschnittlichen Fernsehkonsum der Deutschen von 222 Minuten täglich, stellt sie die Zeit von 23 Minuten gegenüber, die eine Pflegekraft pro Patient aufwenden darf. Sie schlug provokant vor, dass der Fernsehzuschauer ja nur 10% seines TV-Konsums opfern müsste, um die Pflegezeit zu verdoppeln. Sie fordert ein „miteinander leben“, Engagement und eine solidarische Gesellschaft, damit Leben Sinn macht.

Abschließend resümierte Professor Dr. Margot Käßmann, dass christliche Werte in Europa ein Qualitätsmerkmal sind auf die wir uns besinnen sollten. Wir sollen uns darüber bewusst sein, dass wir Freiheit und Gleichheit haben und dazu stehen, dann so Käßmann, haben wir mehr Zukunftszuversicht.

Klemens Schork bedankte sich bei Prof. Dr. Margot Käßmann

Der Vorstandsvorsitzende der VR Bank im Enzkreis Klemens Schork bedankte sich bei Frau Professor Dr. Käßmann mit zwei Flaschen Jubiläumssekt. Er erklärte stolz, dass auf dem Etikett zum 125jährigen Jubiläum der VR Bank, der zum Vortrag passende Leitsatz steht „Wir stehen für Werte, die schon immer etwas wert waren“. Der Bankvorstand sah sich in der Wahl der Referentin bestätigt: „Wir als Genossenschaftsbank stehen schon aus unserer Tradition für Werte. Nähe, Vertrauen, Transparenz, Partnerschaftlichkeit und Mitgliederverpflichtung sind genossenschaftliche Werte und die Basis unserer Beratung. Volksbanken und Raiffeisenbanken sind ihren Mitgliedern verpflichtet, deshalb steht jeder Einzelne bei uns im Mittelpunkt unseres Handels. Nach dem Prinzip 'Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.' bilden unsere Mitglieder, die VR Bank und die Genossenschaftlichen FinanzGruppe eine starke partnerschaftliche Gemeinschaft.“ Ganz im Sinne dieses gemeinschaftlichen Gedankens bewirtete der Musikverein Niefern die Gäste dieses unterhaltsamen Abends.

Im Anschluss an ihren kurzweiligen einstündigen Vortrag beantwortete Frau Prof. Dr. Käßmann noch Zuschauerfragen und signierte im Foyer eine Auswahl ihrer Bücher.